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Radtour nach Hamburg

Es sind die letzten Meter/Km bis zum Stadtrand Hamburg, wir sind nass bis auf die Knochen und es hat um 12° abgekühlt. Wir haben heute 174 Km in den Beinen und finden im Berufsverkehr den Weg nicht.

Na klasse, jetzt meckere nicht, dachte ich, vor gut einem Jahr beim Besuch im Krankenhaus wäre ich froh gewesen, mit meinem Freund Didi durch den Regen zu radeln.

Didi ist wieder fit und ich hatte ihm leichtsinnigerweise versprochen, wenn er wieder gesund ist, mit ihm eine lange Tour zu machen. Versprochen ist versprochen!

Doch von vorne..

1. Tag: Sonntag 8.00 Uhr, nach vorherigem Erwerb eines Cravel Bike inklusive Packtaschen stehen wir gut gerüstet in Vockenhausen am Start Richtung Hamburg zur Kimi (Nichte von Didi).

Die ersten Km über Heftrich zur Lahn vergehen wie im Flug, das Wetter passt und wir fahren einen tollen Radweg immer an der Lahn entlang.

Tolle Eindrücke, wir begegnen vielen Paddlern und netten Radfahrern, wunderschönen Burgen und kleinen Schlössern zum Beispiel in Weilburg.

Schreck in der Nachmittagsstunde, ich hole vor einer Kurve etwas aus, Didi ist zu dicht an meinem Hinterrad und schon höre ich es scheppern hinter mir ….oh je!

Hamburg ade !? Doch wir hatten Glück, Didis Ellenbogen und Knie bluten zwar, aber Hauptsache, das Rad ist ganz 😉 Weiter geht’s!

Nach 150 Km kommen wir in Marburg gut an und finden trotz Corona gleich ein nettes Hotel. Einchecken, duschen und HUNGER !!!

Nachdem wir ordentlich Kohlehydrate eingeworfen haben, geht es uns gut. Die vier Weizen gegen Dehydration tun ihr übriges und wir fallen tot ins Bett.

 

2. Tag: Es nieselt leicht und ist neblig, in der Bäckerei neben dem Hotel gibt es Frühstück, der Regen hört auf und wir starten um 9.00 Uhr Richtung Hamburg 😉.

Jetzt wird es Richtung Edersee hüglig, bei 10 %  Steigungen merkt man die Packtaschen schon mehr als im Flachen. Wir entscheiden uns, doch nicht noch um den Edersee zu fahren, sonst würden die Höhenmeter explodieren.

Gute Entscheidung, flach ist in dieser Gegend ein Fremdwort, aber wir kommen gut voran. Inzwischen ist es sonnig und 18°C, nett !!!

Nach 101 Km und 1000 Hm kommen wir in Arolsen an. Sonne und, super cooles Hotel „Zum Holländer“! Das ist gar kein Hotel, das ist ein super schönes Museum mit geiler Einrichtung und super Frühstück am nächsten Morgen.

Gut, der Italiener abends beim Essen fragte nach der Bestellung wann denn unsere Freunde kommen. Wir haben alles zu zweit weggeputzt, radeln macht hungrig! Über unseren Bierkonsum möchte ich hier den Mantel des Schweigens hängen.

 

3. Tag: bei ruhigem Herbstwetter, klar, aber kühl geht es vom wunderschönen Arolser Schloss aus morgens um 8:30Uhr los. Wir fahren nun schon Richtung Weser-Radweg und unsere Beine sind wider Erwarten recht frisch. Scheinbar hat die „Weizen-Kur“ gestern Abend geholfen 😉 Die Radwege sind hier super beschildert und stimmen mit Didis ausgearbeiteter Route überein.

In der Münchhausen Stadt Bodenwerder direkt an der Weser überraschen uns rabenschwarze Wolken und wir zwei Weicheier schaffen es gerade noch unter die Weser-Brücke in Bodenwerder. Es schüttet eine Stunde heftig und die Temperaturen sinken mal locker um 10°. Wir holen die warmen Sachen aus den Packtaschen und können uns so einigermaßen warmhalten. Der Regen hört auch pünktlich nach Vorhersage auf und wir radeln bei kühlen Temperaturen, aber trocken weiter.

In Hammeln beim Rattenfänger beschließen wir, dass 139 Km und 700 HM heute reichen und suchen uns eine Unterkunft. Im Börsen Hotel direkt an der Fußgängerzone kommen wir gut unter und im dazugehörigen kleinen Bistro-Restaurant bekommen wir den wohl größten leckeren „Männerhamburger“ der Stadt mit Süßkartoffel-Pommes serviert.

 

4. Tag: Bei echter Herbststimmung pur, Nebel, feucht und 8°- immerhin plus – haben wir um 9 Uhr Sattelkontakt. Die werten Hintern sind dann doch schon etwas angegriffen. Aua! Hirschtalg und Stokolan mildern das Ganze und nach zwei Stunden merkt man das Hinterteil ohnehin nicht mehr.

Was uns immer wieder auf unserer Tour nach Hamburg widerfährt, ist die absolute Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen auf den Radwegen.

Du stehst kaum 30 Sekunden um einen kontrollierenden Blick auf die Karte zu werfen, schon hält jemand an und fragt, ob er helfen kann. Echt nett!

Kurz vor Hoya bei Verden nach 157 Km an der wunderschönen Weser mit vielen phantastischen Altstadt-Örtchen ist das wieder der Fall. Wir schauen gerade im Bocking.com nach einer Herberge, da hält ein netter älterer E-Biker und fragt, ob er helfen kann. Unsere Frage nach einer Unterkunft beantwortet er mit „unauffällig folgen“!! Das tun wir und werden zu einem tollen Gästehaus mit einem angeschlossenen Biergarten geführt.

Nach dem herbstlichen Beginn morgens in Hameln können wir hier in Hoya sogar bei gutem Wetter draußen sitzen und versetzten die sehr nette und hübsche Bedienung doch sehr in Erstaunen, was so zwei alte Säcke so alles verdrücken können.

 

5. Tag: Hammer Wetter, Sonne pur, wir schätzen noch so etwa 130 -140 Km und wir sind am Ziel. Denkste, nach 80 Km, es geht so halb links Richtung Bremen, denke ich noch, es müsste ja mal langsam bissi Richtung Hamburg gehen und wirklich: Da ist ein Radweg-Schild (mit 10 anderen) Hamburg 130 Km! Wiiiiie 130 Km… kann nicht sein?! Wir haben doch schon 80 auf dem Tacho !? Merkwürdig, wir nehmen Google zu Hilfe und da sind es noch 110 Km, auch nicht wenig! Die hochgepriesenen Fernradwege um den Großraum Hamburg gleichen immer mehr Querfeldein-Pisten und mit den Radtaschen ist das manchmal gar nicht einfach, im Schlamm oder Sand die Balance zu halten.

So etwas darf man eigentlich nicht als Fernradweg ausweisen. Ein ungeübter älterer E-Biker hätte hier schon dreimal auf dem Apfel gelegen.

Nach Fischerhude öffnet auch noch der inzwischen dunkle Himmel seine Schleusen und wir holen alles aus den Packtaschen, was warm und halbwegs trocken hält.

Die Beschilderung wird immer schlechter und der inzwischen heftige Regen lässt uns auf das Handy als Wegweiser verzichten. Wir haben Schilder nach Buxtehude (Stadtteil von Hamburg) entdeckt und folgend diesen nun an der Landstraße auf einem kleinen Radweg am Rand.

Endlich, nach 174 Km sind wir in Buxtehude! Es schüttet, uns ist sau kalt und es wird langsam duster.

Eine Bushaltestelle dient uns als Unterstand, wir ziehen uns obenrum trockene Klamotten an, es sind nur 7°plus und wir entschließen uns, nicht durch Dunkelheit, Regen und Feierabendverkehr durch die Innenstadt zum Hotel zu fahren. Beim Anruf bei einer Taxizentrale mit der Bitte um unsere Abholung mit Fahrrädern, fragt die nette Taxi-Dame, ob wir Klappräder hätten! Öh nee! Ok, sie fragt Ihren Chef, ob das irgendwie geht und will zurückrufen. Na hoffentlich!

Wir sitzen wie zwei Häufchen Elend im Bus-Häuschen und hoffen auf Rückruf. Und tatsächlich nach 10 Minuten klingt es wie Musik in unseren Ohren: „der Chef kommt in 5 Minuten mit dem Taxi-Bus und holt uns“ !

Dieser super coole Taxiunternehmer war echt beeindruckt von unserer Fahrt von Frankfurt nach Hamburg und wir bekamen bei den 32 Km durch die Stadt zum Hotel noch eine tolle Stadtführung mit Insider-Wissen von ihm. Die Heizung im Großraum-Taxi hatte er netterweise auf volle Pulle gestellt, wir tauten auf.

Ins Empire Riverside Hotel hat mich mein Freund Didi quasi zu seinem ersten 2. Geburtstag eingeladen. Vielen Dank Didi!

Kimi war begeistert, dass ihr Onkel mit Reini gut in Hamburg angekommen waren.

Nachdem Didi seine gesamte Schmutzwäsche erst mal per Hand gewaschen und im Bad komplett aufgehängt hatte (gut, dass ich vorher geduscht hatte), ging es nach Hamburg zum Essen und Feiern!

Jetzt wurde zwei Tage lang Hamburg unsicher gemacht! – OHNE RAD mit Kimi !! Danke Kimi für die schönen Tage und guten Lokale!

Rückfahrt: Kleiner Tipp: Wer eine lange Tour irgendwohin macht und mit dem ICE plus Rad zurückfahren möchte, sollte das mindestens 4 Wochen vorher reservieren. Bei unserer Anfrage am Freitag für die Rückreise mit der Bahn gab es 0 Plätze. Ein sehr hilfsbereiter Bahnmitarbeiter suchte uns nun eine halbe Stunde lang Regionalzüge mit Radtransport raus und druckte uns das Ganze aus.

4 mal Umsteigen mit Rädern und Gepäck, teilweise mit nur 10 Minuten Zeit zwischen Ankunft und Abfahrt im nächsten Zug an verschiedenen Bahnhöfen, das könnte sportlich werden! War es auch, aber normale Räder kann man halt die Treppe im Bahnhof hoch- und runtertragen. E- Bikes nicht, die stehen in langen Schlangen vor den Bahnhofsaufzügen, in die immer nur zwei Bikes passen.

Aber kaum zu glauben, wir haben alle Züge erwischt, die Bahn war überpünktlich! Hammer Kompliment an Andre!

Das Wichtigste war, dass Didi nach der schweren Krankheit vor einem Jahr wieder ganz der Alte ist und wir eine tolle erlebnisreiche Woche hatten. Das machen wir bestimmt mal wieder, vielleicht bissi mehr in den Süden!

In diesem Sinne bleibt alle gesund und trainiert schön!

Reini & Didi

Verfasser: Reini Schwarz